Vortrag: Groteske Figurationen Europas

Aktivität: ForschungGastvorträge und -vorlesungen

Ulrike Steierwald - Dozent*in

Räumliche Einheiten und Identitäten lassen sich bekanntlich nur über Grenzziehungen und die mit ihnen verbundenen Perspektivierungen erreichen. Als umgrenzter Kontinent, als kontinuierliche Landmasse war und ist Europa nicht zu bestimmen. Der Mangel an terrestrischer Einheit eines Kontinents wird schon im Gründungsmythos kompensiert: Die Erzählung installiert die weibliche Figur der Europa durch den Gewaltakt einer Entführung aus Asien an einen anderen und damit den „eigentlichen“ und eigenen Ort. Die Geschichte Europas beginnt also bereits mit einer erzwungenen Reise, die maßgeblich durch ihr Ziel bestimmt ist. Die Schwierigkeit, Europa als terra continens zu definieren, wird durch die räumlich abgrenzende Macht der hegemonialen Erzählung eingeholt und bis heute fortgeschrieben.
Kolonialismus und Aufklärung, die maßgeblichen historischen Ordnungsmächte Europas, schließen den eigenen Aufbruch in die Fremde, Raub, aber auch Toleranz, Integration und Pluralität als mögliche Denkmuster ein. Flucht jedoch ist nicht Teil des europäischen Selbstverständnisses, das sich mit den für die eigene Geschichte vorbehaltenen Begriffen Vertreibung und Entwurzelung immer schon das Eigene, den Ursprung und damit die Machtpositionierung des Eigentlichen und Ursprünglichen gesichert hat. Die Möglichkeit, dass die Flucht – d.h. eine inverse Bewegung, die nicht zuletzt durch die massiven Störungen, Zerstörungen und Verwerfungen der kolonialisierten Kulturen ausgelöst wurde – Europa erreichen könnte, war nicht vorgesehen.
Auch die Groteske beschreibt einen räumlich-inversen Gestus, jenseits von Identifikation oder Projektion. Mein Vortrag skizziert Grotesken der zeitgenössischen Ästhetik, die kulturelle Muster und Verankerungen von Identität nicht reproduzieren, sondern in diesen Figurationen der Übersetzung bzw. des eigenen Anderen oder anderen Eigenen vielleicht auch Alternativen zu den normativen Implikationen einer „europäischen Kultur“ anbieten.
06.10.2016
Beziehungsdiagramm