Vortrag: • Bodies revisited: Körperlichkeit in der Ästhetik der Gegenwart

Aktivität: ForschungGastvorträge und -vorlesungen

Ulrike Steierwald - Dozent*in

Seit einigen Jahren stehen narrative Figurationen der Körperlichkeit im Fokus kulturtheoretischer, phänomenologisch wie kognitionswissenschaftlich ausgerichteter Fragestellungen. Die Episteme der Literatur sind eng mit dem zeitgenössischen Medienwandel verschränkt. Bereits im späten 18. Jahrhundert zielte ein Medienwettstreit der Künste über das erzählerische Potenzial der Laokoon-Gruppe auf die zentrale Frage nach der Lebendigkeit des Körpers im lite¬rarischen Text, im Bild oder in der Skulptur, und zwar produktions- wie rezeptionsästhetisch betrachtet. Das Ringen um den und mit dem Körper ist insbesondere in den intermedialen Erzählformen der Gegenwart, in Kunst, Film wie Literatur, präsent. Die im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts vieldiskutierte Prognose, dass Körperlichkeit und Materialität im digitalen Zeitalter obsolet seien, ist durch die aktuell dominanten Kulturpraktiken der Verortungen und Verkörperungen widerlegt; das Schlagwort Virtualisierung ist bereits historisch. Dabei fällt auf, dass in Zeiten medial-epistemologischer Schwellen und der mit ihnen verbundenen Konkurrenzen unter den Darstellungsformen immer wieder der Körper in den Blick gerät, sei es im Streit um die Laokoon-Gruppe, sei es z.B. im frühen Stummfilm der 1920er Jahre, in dem die Faszination der medialen Animation des toten oder künstlichen Körpers selbstreferentiell zu einer Art Leitthema wurde.

Die Dominanz des Körperlichen ist in vielen Erzählungen des noch jungen, vom Medienwandel geprägten 21. Jahrhunderts zu finden. In ihrer Ästhetik werden die anthropozentrisch gedachten Differenzierungen des lebendigen oder toten Körpers jedoch nicht mehr als Dichotomien vorausgesetzt. Davon ausgehend, dass alle Erzählungen – textuelle, bildliche oder theatrale – Konfigurationen sind, also physiologische oder psy¬chologische Entitäten im Raum entwerfen, skizziert mein Vortrag, wie die narrativen Diskurse die Relation von Figur und Körperlichkeit modellieren. Der traditionsreiche Dualismus von mechanisch versus lebendig, Maschine versus Mensch ist dabei nicht konstitutiv. Er wird durch die offene Frage abgelöst, ob es sich bei Identität – also physischer und/oder psychischer Entität – um selbstreferentielle Projektionen jenseits des Körperlichen handelt, oder ob jede Produktion bzw. Erfahrung von Identität bereits eine Verkörperung bzw. Leibhaftigkeit voraussetzt. Mein Vortrag stellt aktuelle Beispiele aus Film, Kunst und Literatur vor, in denen diese offene Frage virulent und gleichzeitig Movens des Erzählens ist.
30.06.2018
Beziehungsdiagramm