Thanatos und Eros: die Darstellung sterbender Kinder in der Literatur des 19. Jahrhunderts

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In der Psychoanalyse stellen Thanatos, der Tod, Bruder von Hypnos, und Eros, Gott der Liebe, das große Gegensatzpaar dar: Thanatos als Desktruktionstrieb, Eros als auf Vereinigung drängender Sexualtrieb. Sie werden in diesem Beitrag diskutiert im Hinblick auf die Konvergenz dreier Themenbereiche, die (nicht nur) im 19. Jahrhundert von großem Interesse waren: Tod, Kindheit und Sexualität. Dabei geht es nicht um die Verknüpfung von Kindheitsbild und übergeordneten gesellschaftlichen oder metaphysischen Sinnzusammenhängen, sondern vorwiegend um die Art und Weise, wie das Kind konstruiert und wie Kindheit durch Tod verewigt wird, sodann um die Präsentationsweisen im Spannungsfeld von Beteuerung der Unschuld des Kindes und Erotisierung der Darstellung sterbender Kinder, schließlich um den erotisierten Thanatos, der zwischen Begehren und Todeswünschen liegt. Nicht eingegangen wird darauf, daß der Tod nicht die einzige Möglichkeit war, Kindheit zu verewigen1, und nur am Rande kommt das als begehrenswert dargestellte Sterben zur Sprache, das als eine weitere Spielart der Verknüpfung von Thanatos und Eros anzusehen ist, bei der nicht der Sterbende sondern das Sterben selbst erotisiert wird. Diese Spielart findet sich in der phantastischen2 und in der nicht-phantastischen3 Literatur. Der als für die Kinder begehrenswert dargestellte Tod weist auf ein tabuisiertes Thema, den von Erwachsenen gewünschten Tod der Kinder (vgl. Reynolds 2000, 178); es gibt eine lange Tradition von Kindesmördern und Kinderfressern, zu der auch das Motiv des Todes des Kindes als Verjüngung der Erwachsenen gehört.
Original languageGerman
JournalKinder- und Jugendliteraturforschung
Issue number1999/2000
Pages (from-to)26-39
Number of pages14
ISSN1613-477X
DOIs
Publication statusPublished - 2000
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