Der Gewinner der Digitalisierung: Franco Moretti: "Distant Reading", Konstanz University Press (ISBN 9781781684818)

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Rezensionbeitrag in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgabe am 13.03.2016, Seite 56

Quellenangaben

TitelDer Gewinner der Digitalisierung: Franco Moretti: "Distant Reading", Konstanz University Press (ISBN 9781781684818)
BekanntheitsgradNational
Medienbezeichnung/OutletFrankfurter Allgemeine Zeitung
MedienformatWeb
Dauer/Länge/Größe1 Seite
LandDeutschland
Datum der Veröffentlichung13.03.16
Beschreibung"Distant Reading" von Franco Moretti ist das interessanteste literaturtheoretische Buch, das seit vielen Jahren erschienen ist.

In der Literaturwissenschaft der vergangenen Jahrzehnte ist der Abstand zwischen Leser und Text immer wieder als zentrale Kategorie betrachtet worden. Der Begriff des "close reading", im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts an amerikanischen Universitäten aufgekommen und dann in den dekonstruktivistischen Lektüren Derridas und seiner Schüler angewandt, hat diesen Abstand immer mehr verringert. Einzelne Romane oder Erzählungen wurden mit einer Konzentration und Sorgfalt auf ihre sprachlichen Eigenheiten und erzählerischen Strategien hin untersucht, dass der Umfang der Abhandlungen die Länge der interpretierten Texte manchmal um ein Vielfaches überstieg. Je näher das Verhältnis zum Text, so die unhintergehbare Voraussetzung dieser Lehre, desto größer die Erkenntnis.

Vor diesem Hintergrund ist ein Buch namens "Distant Reading" als Provokation einer ganzen Disziplin zu verstehen, und die ungeheure Aufmerksamkeit, die diese 2013 in Amerika erschienene und bereits in knapp zwanzig Sprachen übersetzte Essaysammlung von Franco Moretti gerade erhält, ist vielleicht nicht zuletzt dem großartigen Titel zu verdanken. Die Ausgangsthese des italienischen Komparatisten (Bruder des Filmregisseurs Nanni Moretti), der bis vor kurzem in Stanford gelehrt hat, besteht darin, dass die "Erörterung grundlegender Strukturen" und die Ermittlung "abstrakter Modelle" in der Literaturwissenschaft inzwischen von höherer Relevanz seien als die "Interpretation einzelner Texte". Wer in germanistischen Festschriften die neueste, noch sensibler auf narrative Paradoxien und metonymische Verschiebungen achtende Analyse einer Kleist- oder Kafka-Erzählung zu lesen versucht, wird ihm gerne recht geben.
URLhttps://fazarchiv.faz.net/fazSearch/index/searchForm?q=distant+reading&search_in=&timePeriod=timeFilter&timeFilter=&DT_from=&DT_to=&KO%2CSO=&crxdefs=&NN=&CO%2C1E=&CN=&BC=&submitSearch=Suchen&maxHits=&sorting=&toggleFilter=&dosearch=new#hitlist
PersonenAndreas Bernard

Beschreibung

Rezensionbeitrag in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgabe am 13.03.2016, Seite 56

Zeitraum13.03.2016
Beziehungsdiagramm