Tagung der Sektion Kultursoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2014

Aktivität: Wissenschaftliche und künstlerische VeranstaltungenKonferenzenForschung

Dominik Schrage - Organisator*in

    Die Geschichtlichkeit kollektiver Vorstellungen. Historische Semantik und Soziologie

    Von Reinhart Koselleck stammt die These, dass „mit jedem Begriff […] bestimmte Horizonte, aber auch Grenzen möglicher Erfahrung“ gesetzt werden. Die Soziologie ihrerseits allerdings hat sich – auch dann, wenn ihr Interesse der Genese und Bedeutung „kollektiver Vorstellungen“ (Durkheim) galt – mit deren (begriffs-)geschichtlichen Dimensionen bis auf die prominente Ausnahme Niklas Luhmanns bisher wenig befasst. Die Tagung will daher erarbeiten, wie sich Soziologie und historische Semantik zueinander verhalten und wie sich der Zusammenhang von „Gesellschaftsstruktur und Semantik“ konzipieren lässt. Die systemtheoretische Aneignung der historischen Semantikforschung wird dabei sicherlich eine wichtige Referenz sein, sie soll aber ausdrücklich nicht als einzig möglicher Zugang vorausgesetzt werden.
    Den Ausgangspunkt dieses Forschungsinteresses stellt die Beobachtung dar, dass sich die Soziologie – relativ unabhängig von ihren eigenen systematisierenden Bemühungen – von Studien zur historischen Semantik stets inspirieren ließ. Viele soziologische Forschungsfelder scheinen sich in ihrem aktuellen Zuschnitt begriffsgeschichtlichen Arbeiten gar entscheidend zu verdanken. Ohne die einschlägige Untersuchung von Philippe Ariès beispielsweise wäre die historische Variabilität dessen, was man unter „Kindheit“ versteht, wohl durch die ontologisierenden Raster einer „Soziologie der Kindheit“, „der Jugend“ oder „der Familie“ hindurchgefallen. Ähnliches gilt für Michel Foucault oder Georges Canguilhem, die die soziologische Rede vom „(A)Normalen“ (oder vom „Devianten“, „Pathologischen“, „Kriminellen“) mit ihrer eigenen Begriffs- und Bedingungsgeschichte konfrontierten und so der Soziologie wichtige Möglichkeiten einer historisch sensiblen Selbstreflexion bereitstellten.
    Vor diesem Hintergrund sieht sich die Soziologie vor die Frage gestellt, wie sie ihre eigenen Theoriebestände mit diesen Forschungen anreichern oder wie sie sie in ihren eigenen Theoriesprachen reformulieren kann. Hierfür sind auch Erfahrungen von Interesse, die andere Kultur- und Sozialwissenschaften mit dem Konzept der „historischen Semantik“ gemacht haben – woraus sich auch der erklärtermaßen interdisziplinäre Charakter der Tagung erklärt.
    Zugleich kann die Soziologie aber auch eine eigene Profilierung begriffsgeschichtlicher Fragestellungen innerhalb ihrer Disziplin anstreben, denn die mit dem Zusammenhang von „Gesellschaftsstruktur und Semantik“ aufgeworfenen Fragen übersteigen den Rahmen einer philosophischen Begriffs- und Ideengeschichte in einer besonderen Hinsicht: Die Erklärung wirklicher „Begriffskarrieren“ ist allein mit einer immanenten Rekonstruktion nicht zu leisten, sondern muss den jeweiligen sozialstrukturell motivierten „semantischen Bedarf“, die (auch mediengeschichtlich nachzuzeichnenden) Prozesse der Diffusion/Popularisierung/Generalisierung oder die aus anderen gesellschaftlichen Feldern rückwirkenden Plausibilisierungen einer spezifischen Semantik in die Analyse einbeziehen.


    Organisation der Tagung zusammen mit Stephan Hein (Dresden) und Patrick Wöhrle (Dresden)
    13.02.201415.02.2014
    Tagung der Sektion Kultursoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2014

    Veranstaltung

    Tagung der Sektion Kultursoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2014 : Die Geschichtlichkeit kollektiver Vorstellungen. Historische Semantik und Soziologie

    13.02.1415.02.14

    Lüneburg, Deutschland

    Veranstaltung: Konferenz