Die Ökonomie des axé: Zur Aus- und Verhandlung der candomblé-Religion in Santo Amaro, Bahia, Brasilien

Publikation: Bücher und AnthologienDissertationsschriften

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Der brasilianische candomblé ist eine der großen afroamerikanischen Religionen, die im Laufe des transatlantischen Sklavenhandels entstanden sind. Sein Hauptgebiet liegt im nordostbrasilianischen Bundesstaat Bahia. Im Zentrum seiner religiösen Praxis steht die Verehrung und Inkorporierung ersteinmal afrikanischer Entitäten (inquices, voduns, orixás), und dann auch neuweltlicher Geistwesen (beispielsweise 'Indianer'-, Matrosen oder auch Prostituiertengeister). Die vorliegende Arbeit fußt auf mehr als zweijähriger Feldforschung in der im Recôncavo Baiano gelegenen Stadt Santo Amaro (ca. 60.000 Einwohner), in der es über 60 candomblé-Gemeinden (terreiros) und etwa 2000 initiierte candomblé-Anhänger gibt. In einer ausführlichen Ethnographie wird die Welt des candomblé in Santo Amaro beschrieben und als ein soziales Feld neben anderen sozialen Feldern herausgearbeitet. Unterschiede in den von den verschiedenen Gemeinden vertretenen Theologien und Praxen weisen darauf hin, dass der candomblé als solcher (trotz verschiedener Versuche, verbindliche Doktrinen zu etablieren) noch immer in einem starken Aushandlungsprozess befindlich ist; so auch die Frage, welche candomblé-Häuser innerhalb, am Rande oder außerhalb des Feldes des candomblé in Santo Amaro liegen. An dem Aushandlungsprozess, was candomblé eigentlich ist, wer candomblé machen darf und wie er ihn machen soll, sind nicht nur die initiierten Mitglieder der Religion selbst, sondern im Wechselspiel mit diesen auch Akteure anderer Felder beteiligt; vor allem aus dem Bereich der Politik und aus dem akademischen Bereich. Um diesen Aushandlungsprozess zu untersuchen, werden Leitfragen verfolgt, die auf einem an Pierre Bourdieu angelehnten Denken in ineinander transformierbaren Kapitalformen (finanzielles, soziales, kulturelles Kapital etc.) und auf der von Michel de Certeau für die Sozialwissenschaften erschlossenen Unterscheidung zwischen taktischem versus strategischem Handeln basieren: Auf welche Art bestimmte, auf welche Art in ihrem Wert ausgehandelte Kapitalien werden vom candomblé mit welchen anderen Feldern verhandelt? Wieweit handeln die Akteure (religiösen Vorsteher) in solchen Aus- und Verhandlungen taktisch, wieweit strategisch? Und auch: Wieweit gestaltet, verändert sich das Feld des santamarensischen candomblé durch die Aus- und Verhandlung ihm zugehöriger oder zugeschriebener Kapitalien? Bezüglich der Diskussion der Kapitalien zeigt sich, dass es oftmals weniger religiöse oder spirituelle Ressourcen im engeren Sinne sind, woraus und womit die Akteure des candomblé in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen handeln. Oft ist es eher ein mit dem candomblé eng verbundenes kulturelles und vor allem auch ethnisches Kapital, das die Akteure in andere Kapitalformen zu transformieren suchen. Das dabei erstrebte Kapital ist häufig ein finanzielles; eine gewisse 'Monetarisierung' des candomblé, einmal nach außen, dann aber auch innerhalb der Szene, wird von vielen seiner Anhänger beklagt: Sie sehen darin eine Bedrohung sowohl der den candomblé konstituierenden Spiritualität, als auch seiner traditionell zwar hierarchischen, darin aber durchaus kommunitären religiösen Familienstruktur. In diesem Zusammenhang müssen verschiedene, oft auch von der akademischen Forschung vertretene Narrative über den candomblé anhand der Realitäten des Feldes hinterfragt werden: beispielsweise die Vorstellung des candomblé als einer afrobrasilianischen Strategie des Widerstandes gegen eine eurobrasilianisch dominierte Gesellschaftsordnung. Certeau zufolge bedarf es, um strategisch (also auf nachhaltige Verbesserungen einer Lage hin) handeln zu können, eines Ortes, der als 'Eigener' verstanden werden kann; ansonsten bleibt nur das (auf kurzfristige Gewinne angelegte) Taktieren an den Orten der anderen. Vor allem aufgrund mangelnden Zusammenschlusses der religiösen Vorsteher kann derzeit nur bedingt vom candomblé in Santo Amaro als einem seinen Akteuren in Certeaus Sinne 'eigenem' Ort die Rede sein. Gründe für eine mangelnde Solidarität und ein mangelndes Vertrauen zwischen den candomblé-Anhängern können unter anderem innerhalb einer Art emisch vertretener Sozialpsychologie gefunden werden, worin das Misstrauen eine wichtige Rolle spielt. Im Laufe der Arbeit wird das Spektrum der gegenwärtigen soziokulturellen, politischen und ökonomischen Positionen des santamarensischen candomblé und seiner Anhänger polyperspektivisch ausgebreitet und auf ihm inhärente Zusammenhänge hin untersucht. Ob es den Akteuren gelingen wird, sich einen von ihnen selbst ausgehandelten candomblé zu einer Basis strategischen Handelns zu machen, bleibt ungewiss – Das Ziel vorliegender Arbeit ist es, eine solche Situation der Ungewissheit, ihre Gründe und Möglichkeiten zu erforschen, und damit zusammenhängende Fragen zu formulieren: Antworten darauf zu geben liegt nicht beim Ethnologen, sondern bei den Akteuren und in ihrem Handeln.
OriginalspracheDeutsch
ErscheinungsortHamburg
Anzahl der Seiten542
PublikationsstatusErschienen - 2016

Bibliographische Notiz

Dissertation, Universität Hamburg, 2016

    Fachgebiete

  • Kulturwissenschaften allg. - candomblé, umbanda, synkretismus, brasilien, bahia, taktik, strategie, soziales kapital, kulturelles kapital, religion