Glasmoden – Die naturkundlichen Objekte von Vater und Sohn Blaschka zwischen Handwerk, Wissenschaft und Kunst

Projekt: Dissertationsprojekt

Projektbeteiligte

Mein Dissertationsprojekt widmet sich den Glasobjekten von Leopold (1822–1895) und Rudolf Blaschka (1857–1939). Aus einer traditionsreichen böhmischen Handwerkerfamilie stammend, schufen Vater und Sohn zwischen 1860 und 1936 in Handarbeit tausende von naturkundlichen Modellen von Pflanzen und Meerestieren für private Sammler, Universitäten und Schausammlungen in Europa und den USA. Zunächst spezialisiert auf die Modellierung mariner Wirbelloser, verlagerte sich ab 1890 der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Anfertigung von botanischen Exponaten, die exklusiv für die Harvard University produziert wurden und dort bis heute zu besichtigen sind. Daneben besitzen das Corning Museum of Glass, die Cornell University, die Berliner Humboldt,Universität, das Institut für theoretische Biologie der Universität Wien und das Stift Kremsmünster in Oberösterreich maßgebliche Sammlungen der von den Blaschkas geschaffenen Meerestiere. Im Übergang von der Naturgeschichte zu einer „modernen“, primär am Studium des Lebendigen interessierten Biologie produzierten die Blaschkas über Jahrzehnte „tote“, gläserne Objekte, die sich bei näherer Betrachtung als höchst lebendig und widerständig erweisen. Zu Beginn ihrer Laufbahn noch als Dekorationsgegenstände zur Raumgestaltung beworben, sollten die Glasmodelle, motiviert durch das wachsende naturkindliche Interesse der Blaschkas, sukzessive einem ausschließlich wissenschaftlichen Zweck dienen. 
Dabei formten die Blaschkas ihre Modelle, entgegen ihrer Selbstdarstellung, nicht ausschließlich „nach der Natur“. Dementsprechend bilden Probleme der Mimesis in Wissenschaft und Kunst und solche der Übersetzung zwischen verschiedenen Medien und Disziplinen eine wesentliche Fragestellung meiner Arbeit. Im Anschluss an Forschungen zu Techniken der Visualisierung in den Lebenswissenschaften zeige ich, welche Rolle die verschiedenen Medien (Papier, Glas), die damit verbundenen Tätigkeiten (biologische Beobachtung, Zeichnung, Glasherstellung) und die verschiedenen Wissensformen wie Biologie und Handwerkswissen bei der konkreten Herstellung der Glasmodelle spielten. 
Letztendlich steht der Eigensinn des gläsernen Materials, das sich in keine endgültig fixierbare Form bringen lässt, jedweden taxonomischen Ordnungsbestrebungen entgegen. So entstanden in der Werkstatt der Blaschkas keine Typen, die eine systematische Beschreibung einzelner Arten erleichtern würden, sondern Unikate, die scheinbar ausschließlich Individuen repräsentieren. Die schiere Schönheit der Objekte mit ihren opaken Oberflächen und Glanzeffekten setzt dem analytisch,sezierenden Blick des Betrachters klare Grenzen, stellt ihn vor neue Herausforderungen und eröffnet einen Raum des Imaginativen jenseits etablierter Ordnungen und Theorien. Aus dem ästhetischen Überschuss des Forschungsobjekts speist sich eine Faszinationsgeschichte, die über die Sphäre der Biologie hinausreicht, bis heute andauert und ihren Niederschlag in der Kunsttheorie ebenso wie in der Populärkultur findet. Im Rahmen meiner Forschung verstehe ich die Glasmodelle deshalb als Medien, die zwischen verschiedenen Wissenskulturen (wissenschaftliche Disziplinen, Museen, Öffentlichkeit) und Handlungsbereichen (experimentelle Forschung, Kunst und Handwerk, Wissenschaftskommunikation) vermitteln.
Zeitraum22.01.19 → …