Der Beitrag von Schule zur Bewältigung der globalen Konsumherausforderung: Konzeptionelle Klärungen und empirische Beiträge im Spannungsfeld zwischen Erziehungs- und Nachhaltigkeitswissenschaft.

Projekt: Dissertationsprojekt

Projektbeteiligte

Die Idee der Nachhaltigkeit zielt darauf ab, allen Menschen heute und in Zukunft ein gutes Leben innerhalb der Grenzen unseres Planeten zu ermöglichen. Globale Entwicklungstendenzen im sozialen und ökologischen Bereich der letzten Jahrzehnte haben sich diesem Ziel en gros eher entfernt als angenähert. Als ein wesentlicher Treiber nicht-nachhaltiger Entwicklung lässt sich der Konsumbereich ausmachen. Folglich richten sich zahlreiche Nachhaltigkeitsanstrengungen darauf, zu bestimmen, wie ein nachhaltiger Konsum aussehen und sich nicht-nachhaltige Konsumweisen entsprechend verändern lassen. Dem Bildungssystem wird dabei von politischer Seite eine zentrale Rolle in dem Bemühen beigemessen, das Bewusstsein und Verhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern im Sinne der Nachhaltigkeit zu beeinflussen und auf diese Weise der globalen Konsumherausforderung zu begegnen.

Der Forderung, in Schulen das Konsumverhalten junger Menschen im Sinne der Nachhaltigkeit zu verändern, steht in einem Spannungsverhältnis zu der pädagogischen Aufgabe, Schülerinnen und Schüler zu selbstbestimmtem Handeln zu befähigen. Das Anliegen der Förderung nachhaltigen Konsums in Schulen bedarf daher einer pädagogischen Vermittlung. Das Forschungsinteresse dieser Dissertation richtet sich vor diesem Hintergrund auf die Frage, welchen Beitrag die Schule zur Bewältigung der globalen Konsumherausforderung leisten kann. Zur Beantwortung des Forschungsinteresses nimmt die Arbeit Anleihen im Bereich der erziehungswissenschaftlichen Bildungsforschung, der sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung und der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung als Bindeglied zwischen beiden Forschungsfeldern. Die Dissertation nähert sich dem Forschungsinteresse von mehreren Seiten und konkretisiert es in drei Forschungssträngen.

Der erste Forschungsstrang entwickelt ein konzeptionelles Verständnis des Gegenstandsbereichs Nachhaltiger Konsum. Dabei wird von einem weiten Verständnis von Konsumhandlungen ausgegangen, das verschiedene Phasen von der Auswahl bis zur Wiederverwertung/Entsorgung von Konsumgütern einschließt. Im Kontext der Nachhaltigkeit werden Konsumhandlungen unter einem übergeordneten Ziel betrachtet. Dieses Ziel besteht darin, Menschen heute und in Zukunft solche Bedingungen zu gewährleisten, die es ihnen ermöglichen, ihre objektiven Bedürfnisse befriedigen und dadurch ihre Vorstellung eines guten Lebens verwirklichen zu können. Konsumhandlungen lassen sich nun auf zweifache Weise beurteilen: in Bezug auf die Absichten, die ihnen im Hinblick auf dieses Ziel zugrunde liegen und in Bezug auf die Wirkungen, die aus ihnen im Hinblick auf dieses Ziel resultieren.

Der zweite Forschungsstrang fragt in bildungs- und schultheoretischer Perspektive nach den Funktionen und Aufgaben, die Schule als Bildungseinrichtung kennzeichnen und die dadurch Rahmenbedingungen schulischen Lernens darstellen. Dazu werden auf einem konzeptionellen Wege auf der Grundlage bildungssoziologischer Schultheorie verschiedene Funktionsbereiche unterschieden. Schulen leisten demnach in umfassender Weise, d.h. durch ihr formales Bildungsangebot, aber auch als informelle Lernumgebung und Sozialisationsinstanz, einen Beitrag zur Enkulturation und Akkulturation junger Menschen. Ein im Rahmen der Dissertation entwickelter konzeptioneller Analyserahmen weist aufbauend auf Arbeiten zur Schul- und Organisationskultur solche Bereiche und Ebenen aus, die die »Konsumkultur« einer Bildungseinrichtung prägen und Relevanz für das Konsumlernen junger Menschen aufweisen. Über die Enkulturations- und Akkulturationsfunktion hinaus qualifizieren Schulen junge Menschen für spezifische gesellschaftliche Anforderungsbereiche und wirken als pädagogische Einrichtungen darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler zu eigenständigen, urteils- und handlungsfähigen Persönlichkeiten und Subjekten werden. In Bezug auf diese Qualifikations- und Subjektivierungsfunktion entwickelt eine Veröffentlichung im Rahmen dieser Dissertation einen Kompetenzansatz. Dieser vermittelt zwischen einer einseitig an nachhaltigkeitsbezogenen (in Bezug auf pädagogische Zielsetzungen jedoch unbestimmten) Anforderungen orientierten Befähigung zum nachhaltigen Konsum und einer einseitig an pädagogischen Maximen orientierten (in Bezug auf konkrete Nachhaltigkeitswirkungen jedoch unbestimmten) Bildungspotenz. Einen weiteren Beitrag zur Bestimmung einer pädagogisch legitimierten Auseinandersetzung mit nachhaltigem Konsum leistet eine im Rahmen der Dissertation entwickelte didaktische Skizze. Diese schlägt eine salutogenetisch orientierte Konzeption nachhaltiger Konsumbildung vor und rückt dabei in einem bildenden Sinne die Reflexion des eigenen Verhältnisses zur Konsumgesellschaft und ihrer kulturellen Leitbilder und damit die Suche nach Wegen einer nachhaltigeren Bedürfnisbefriedigung ins Zentrum.

Der dritte Forschungsstrang schließlich richtet sich in der Perspektive der Lern- und Schulentwicklungsforschung zum einen auf die Frage, wie sich Schule verändern kann, um einen pädagogisch legitimierten und wirksamen Beitrag zur Förderung nachhaltigen Konsums zu leisten. Hierzu wird auf konzeptioneller Ebene ein partizipativer Schulentwicklungsansatz zur Veränderung schulischer Konsumkultur entwickelt. Zum anderen geht der dritte Forschungsstrang im Rahmen einer Fragebogen-Untersuchung der Frage nach, welche Lernwirkungen im Sinne nachhaltigen Konsums sich bei Schülerinnen und Schülern durch eine sich verändernde schulische Umwelt und durch die aktive Mitwirkung an diesem Veränderungsprozess ergeben können. Die empirischen Arbeiten der kumulativen Dissertation weisen darauf hin, dass zwei Bereiche von besonderer Relevanz für das Konsumlernen junger Menschen sind: das für Schülerinnen und Schüler wahrnehmbare Anliegen, an der Schule nachhaltige Konsumbildungsziele zu verfolgen, und damit einhergehende, für Schülerinnen und Schüler beobachtbare Veränderungen in der Konsumkultur, die das authentische Engagement der Schule in diesem Feld verbürgen. Die empirischen Befunde dieser Dissertation weisen zudem darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler, die sich aktiv an Veränderungsprozessen beteiligt haben, die höchsten Ausprägungen im Bereich der konsumbezogenen Selbstwirksamkeit, des nachhaltig orientierten Konsumverhaltens und der wahrgenommenen Relevanz des schulisch vermittelten Wissens im Bereich nachhaltigen Konsums aufweisen. Damit deuten die Ergebnisse der empirischen Studie an, dass nicht nur die aktive Mitwirkung, sondern bereits das Beobachten schulischer Aktivitäten zum nachhaltigen Konsum Einfluss auf die Entwicklung von Einstellungen und Verhaltensabsichten ausüben kann.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der kumulativen Dissertation lässt sich in Bezug auf das Forschungsinteresse zusammenfassend feststellen: Schulen können einen pädagogisch legitimierten und empirisch wirksamen Beitrag zur Bewältigung der globalen Konsumherausforderung leisten, indem sie ihre Konsumkultur systematisch auf eine Weise entwickeln, die es Schülerinnen und Schülern erlaubt, Veränderungen selbst mitzugestalten und wahrzunehmen. Maßgeblich dabei ist, dass Konsumbildungsziele sichtbar werden, die junge Menschen nicht auf ihre Rolle als Verbraucherinnen und Verbraucher festlegen, sondern sie als consumer citizens adressieren und darauf ausgerichtet sind, zur Beteiligung an der gesellschaftlichen Gestaltung nachhaltigen Konsums zu befähigen und zu motivieren.

Die Dissertation entstand im Rahmen des transdisziplinären Forschungs- und Entwicklungsprojektes BINK (Akronym für Bildungsinstitutionen und nachhaltiger Konsum), das zwischen 2008 und 2012 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Themenschwerpunktes „Vom Wissen zum Handeln – Neue Wege zum nachhaltigen Konsum“ der Sozial-Ökologischen Forschung gefördert worden war.
StatusAbgeschlossen
Zeitraum29.09.0826.03.14

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