Bestiarien der Moderne. Literarische Anverwandlungen einer allegorischen Textgattung

Projekt: Forschung

Projektbeteiligte

Ausgangspunkt des Projektes ist ein literaturgeschichtlich kurioser Befund, der zu einer Erweiterung des Spektrums bislang erforschter Textgattungen der modernen Literatur und insbesondere ihrer symbolischen bzw. allegorischen Formen anregt: Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kehrt das Bestiarium, ein zuletzt im Hochmittelalter verbreitetes katalogartiges Tierbuch, in gleich mehreren europäischen und hispanoamerikanischen Literaturen wieder. Als einst konstitutiver Bestandteil der religiösen Naturauslegung versammelten die mittelalterlichen Bestiarien ganze Serien symbolischer bzw. allegorischer Tierfiguren, die nicht um ihrer selbst willen in Wort und Bild porträtiert wurden, sondern wegen ihres heilsgeschichtlichen Verweisungscharakters. Umso erstaunlicher ist es, dass gerade diese im Zuge der neuzeitlichen Naturforschung verdrängte und für Jahrhunderte verschwundene Textgattung just unter den Bedingungen eines modernen säkularisierten und verwissenschaftlichten Naturverständnisses zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder stark an Aktualität gewinnt und Tierfiguren noch immer für symbolische und/oder allegorische Verweisungsspiele aufbietet. Das Forschungsprojekt rekonstruiert diese bemerkenswerte Gattungsdynamik für die deutschsprachige Bestiarien-Tradition, die bislang trotz ihrer Breite und Vielgestaltigkeit fast völlig unentdeckt geblieben ist, und sucht die neuartigen Funktionen dieser Verweisungsspiele näher zu bestimmen.
Zeitraum01.01.19 → …
Beziehungsdiagramm